Getagged: Wolf Haas

Blaulicht im Rotlicht

„Weil du kennst als Blaulicht dein Rotlicht.“

Wolf Haas: Brennerova, Hoffmann und Campe, 2014.

Jetzt ist schon wieder nix passiert. Ob du es glaubst oder nicht, aber auch der achte Brenner-Fall kommt ohne die kultisch verehrte Eröffnung aus, die Wolf Haas in den späten Neunzigern zum Popstar unter den Krimischreibern gemacht hat. Passieren tut freilich schon etwas, viel sogar, frage nicht. Frauendilemma Hilfsausdruck. Und Lieblingssätze haut er auch wieder raus, der Leser-Duzer namens Erzähler. Da braucht man sich nur das obige Beispiel anzuschauen. Nur halt nicht ganz zu Beginn, wobei „Früher hat man gesagt, die Russinnen“ gar nicht mal so schlecht ist. Für den Anfang. Und Lieblingswörter! Jede Menge. Frauentränenumfaller. Solche Sachen. Mehr über „Brennerova“ habe ich für die SZ aufgeschrieben. Quasi Buchtipp. Und hier geht’s zu meinem Porträt über Wolf Haas, ebenfalls erschienen in der Süddeutschen Zeitung.

SZ_Haas

Erschienen am 16. Oktober 2014 in SZ Extra, der Kulturbeilage der Süddeutschen Zeitung. Weitere Einträge zu Wolf Haas im Museum der schönen Sätze: hier.

Der längste Lieblingssatz der Welt

„Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein zweihundertjähriger Butler mit dem trockenen Geräusch seiner wächsernen Lippen einen mitternächtlichen Geist in die Flucht schlagen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein Teilnehmer an einem neurophysiologischen Experiment trotz seiner durch eine Fehlsichtigkeitsbrille künstlich herbeigeführten Schasäugigkeit versuchen, mit seinen Lippen das Lippensymbol an der Laborwand zu treffen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein weltberühmter Tontechniker in einer allerletzten Feinabstimmung vor der alles entscheidenden Meisterwerkaufnahme testen, welchen Pegel allerfeinste, allertrockenste, direkt auf das Mikrophon gedrückte Lippengeräusche erreichen, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin gar nicht küssen, sondern als wäre er eine an Händen und Füßen gefesselte, allein in einen Tresorraum gesperrte Geisel, und dieser einsame Gefesselte musste gerade feststellen, dass er doch nicht allein, sondern zusammen mit einer lästigen Fliege eingesperrt war, die er nur mit einem Kussgeräusch verscheuchen konnte, das aber keinesfalls zu heftig ausfallen durfte, weil sonst der ganze Sprengstoff losging, den man ihm umgehängt hatte, oder war die Zärtlichkeit, die der Gefangene in den Fliegenkuss legte, schon ein erstes Symptom des Stockholm-Syndroms und die Geisel auf dem besten Weg, sich in die folternde Fliege zu verlieben, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte.“

Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung (2012), Hoffmann und Campe (2012).

Wolf Haas hat ein neues Buch geschrieben, dessen erster Satz nicht museumswürdig ist. Das ist eine kolossale Überraschung, kamen die jüngsten Geschichten des Wiener Wortgenies doch einem Freifahrtsschein in die Listen der besten Romananfänge gleich.

Als Entschädigung stößt der freudestrahlende Leser in „Verteidigung der Missionarsstellung“ auf den vielleicht schönsten Schlangensatz der deutschsprachigen Literatur. Wie der Erzähler dieses grenzensprengenden Liebeswahnsinns immer neue Anläufe nimmt, um einen Kuss zu beschreiben, gleicht dem Auszug aus einem symphonischen Meisterwerk. So still und unauffällig, als würde Wolf Haas den namenlosen Leser keineswegs verzaubern, sondern als wäre es der Musenkuss, der ihn zu diesem Schreibrausch zwang, verzauberte er ihn so lang und nachhaltig, dass schon im nächsten Moment völlig sicher war, dass er etwas Großes getan hatte.

PS: Im Interview, das ich mit Wolf Haas für die Süddeutsche Zeitung geführt habe, erklärt der Schriftsteller, warum es ihm eine sehr persönliche Herzensangelegenheit ist, den Leser immer ein bisschen zu verzaubern.

Jetzt ist schon wieder Haas passiert

„Jetzt ist schon wieder was passiert.“

Wolf Haas: Der Knochenmann (1997). Rowohlt, 2006.

Wolf Haas, Jahrgang 1960, ist ein Meister des kreativen Erzählens, und ob du es glaubst oder nicht, aber der Österreicher hat einen ganz eigenen Stil gefunden. Leser-Duzer Hilfsausdruck. Berühmt gemacht haben Haas seine Brenner-Krimis, deren berühmter erster Satz vor allem deshalb so berühmt ist, weil er so unverschämt leicht daherkommt. Gleichzeitig lastet alles auf ihm: die Neugier, was genau wem passiert ist; die Spannung, welche Folgen das hat; der Wissensdurst, wer der Informant ist, der offensichtlich schon bei früheren Ereignissen Augenzeuge war.

Als zum siebten Mal schon wieder was passiert ist, schenkt uns der Autor eine neue Eröffnung. Und jetzt pass auf, die hat es ebenfalls in sich, weil das Plappermaul von Erzähler ja eigentlich im sechsten Band gestorben ist. Irgendwie dann aber doch nicht, wie sich in „Der Brenner und der liebe Gott“ herausstellt. Und im Interview, das ich einmal mit ebenjenem Erzähler führen durfte, machte er ebenfalls einen kreuzfidelen Eindruck. Überschäumend Hilfsausdruck. Über den Haas hatte er auch was zu berichten: Der sei, ob du es glaubst oder nicht, „ein blasses Bürscherl, das viel vor dem Computer sitzt. Und ein Interview nach dem anderen, das kann auch nicht gesund sein. Ich sage, so ein junger Mensch sollte auch einmal hinaus gehen, Sport, Mädchen, alles. Aber bitte, das muss er  selber wissen.“

Der Wolf im Haas-Pelz

„Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.“

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott (2009). Hoffmann und Campe, 2009.

Wolf Haas, Jahrgang 1960, ist ein Meister des kreativen Erzählens, und ob du es glaubst oder nicht, aber der Österreicher hat einen ganz eigenen Stil gefunden. Leser-Duzer Hilfsausdruck. Berühmt gemacht haben Haas seine Brenner-Krimis, deren berühmter erster Satz so berühmt ist, dass ihn ein jeder Krimifreund auswendig dahersagen kann.

Als zum siebten Mal schon wieder was passiert ist, schenkt er uns eine neue Eröffnung (siehe oben). Und jetzt pass auf, die hat es in sich, weil das Plappermaul von Erzähler ja eigentlich im sechsten Band gestorben ist. Irgendwie dann aber doch nicht, wie sich in „Der Brenner und der liebe Gott“ herausstellt. Und im Interview, das ich einmal mit ebenjenem Erzähler führen durfte, machte er ebenfalls einen kreuzfidelen Eindruck. Überschäumend Hilfsausdruck. Über den Haas hatte er auch was zu berichten: Der sei, ob du es glaubst oder nicht, „ein blasses Bürscherl, das viel vor dem Computer sitzt. Und ein Interview nach dem anderen, das kann auch nicht gesund sein. Ich sage, so ein junger Mensch sollte auch einmal hinaus gehen, Sport, Mädchen, alles. Aber bitte, das muss er  selber wissen.“