Getagged: Pop

Glücksgift

„Ich zerlatsch den Tag stundenlang im Park, fahrig und verwirrt, bis es dunkel wird.“

Isolation Berlin: „Serotonin“, auf Vergifte dich (Staatsakt 2018)

Den Namen Tobias Bamborschke sollte man sich merken. Er schreibt Songs mit perlenden Texten, Gedichte mit glücksgiftigen Zeilen. Als wollte Peter Doherty Charles Bukowski nacheifern, musengeküsst im Suff, rhythmisch, derb, lyrisch frei, geht er den Weg des wütenden Romantikers beim exzessiven Scheitern. Bamborschke war es, der mich zu einem Plädoyer für mehr Poesie im Pop inspiriert hat, das unter dem Titel Pferde stehlen mit Helene in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist.

 

 

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Nabelschnurstracks ins Herz

„Kaum ist die Nabelschnur ab, schon steh’n wir alle auf dem Schlauch.“

Gisbert zu Knyphausen: „Das Licht dieser Welt“ (0:45) auf Das Licht dieser Welt (2017).

Da ist er wieder. Wieder so ein Knyphausen-Satz. Anders als sein Name vermuten lässt – Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen, so viel Zeit muss sein – hat der Songwriter einen Hang zur poetischen Prägnanz. Er liebt das Sprachspiel wie er auch das Spiel mit musikalischen Stimmungen und Arrangements liebt. Er denkt Redewendungen weiter („Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt.“), bringt wortschlau zusammen, was zusammengehört („Schenk du uns die Drinks ein, ich schütte dir mein Herz aus.“). Schenken, schütten. Geschenk, verpackt. Schnur, Schlauch. Ach, schön!

Geerdet vom Leben, diesem bipolaren Clown, gelingen ihm Zeilen, die man lange suchen muss bei den deutschsprachigen Songwriter-Kollegen. Hier gibt es sie zuhauf: auf dem herzfeurig herbeigesehnten dritten Album „Das Licht dieser Welt“. Mal philosophisch („Es dauert lang, bis man lernt, bis man lernt, ein Niemand zu sein.“), mal verschmitzt („Der Wind reißt an den Kiefern, die Musik an deinen Speakern.“), mal melancholisch („Meine Zeit, sie ging so schnell/Und dabei lauf‘ ich schon so lang/Auf meinem Weg Richtung Unendlichkeit/Ist schon eine Ewigkeit vergangen.“). Und meist zum Niederknien. Chapeau!

Die beliebtesten Lieblingssätze 2017

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: die besten Songzeilen und die besten Fundstücke, die 2017 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
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Lieblingsplatten 2017

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten mit meinen Lieblingsplatten 2017. Einige Künstler sind mit ihren Songzeilen im Museum der schönen Sätze vertreten. Hörenswert sind sie alle. Sätze wie Platten.

  1. Kettcar: Ich vs. Wir
  2. Bilderbuch: Magic Life
  3. Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi: Das nullte Kapitel
  4. Spoon: Hot Thoughts
  5. Conor Oberst: Salutations
  6. Nothing But Thieves: Broken Machine
  7. Gisbert zu Knyphausen: Das Licht dieser Welt
  8. Royal Blood: How Did We Get So Dark?
  9. Candelilla: Camping
  10. Tom Schilling & The Jazz Kids: Vilnius

Ewige Treue, leider enttäuschend: Weezer: Pacific Daydream

Da ist etwas im Wiebusch

„Von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen.“
Kettcar: „Den Revolver entsichern“ auf „Ich Vs. Wir“ (2017)

„Das Beste ist immer der Feind des Guten.“
Kettcar: „Auf den billigen Plätzen“ auf „Ich Vs. Wir“ (2017)

„Keine einfache Lösung haben, ist keine Schwäche /
Die komplexe Welt anerkennen, keine Schwäche /
Und einfach mal die Fresse halten, ist keine Schwäche /
Nicht zu allem eine Meinung haben, keine Schwäche.“
Kettcar: „Den Revolver entsichern“, auf „Ich Vs. Wir“ (2017)

„Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser.“
Kettcar: „Trostbrücke Süd“ auf „Ich Vs. Wir“ (2017)

Ein Pop-Album mit Haltung und Zeilen zum Niederknien. Zum Nachdenken, Nachbeten und Nachahmen. Und mit einem Song, der im früheren Leben Kurzgeschichte gewesen sein muss. Das alles passiert ungefähr so häufig wie, eben, eine Platte von Kettcar. Die erste seit fünf Jahren ist eine inhaltliche, musikalische und sprachliche Wucht. Die reifste Mango am Baum der Songwriter-Erkenntnis, um nicht zu sagen: Irgendwas ist da im Wiebusch …      Weiterlesen

Auf Stimmenfang in Sülz

„Vertrauen ist gut, Kontrolle für Besserwisser.“

Annen May Kantereit: „3. Stock“ (2:25), auf Alles nix Konkretes (2015).

Klar, die Stimme, ohne die wären Annen May Kantereit nur talentierte Straßenmusiker aus Köln-Sülz, deren Freude an Rumpelrock für Altbaumädchen mindestens ansteckend ist. Mit der Stimme von Henning May jedoch, dieser einlullenden, rezeptfreien Überdroge, hat sich das deutsche Indie-Wunder bis zum Erstplatzierten der Album-Charts hochgebrummt. Die Stimme klingt nach Whiskeykater und Zigarettenmief, nach Kneipenmarathon und Liebesleid, nach verpassten Chancen und den Furchen des Lebens. Nach all dem klingt diese Stimme, nur nach einem klingt sie nicht: nach Anfang zwanzig. Weiterlesen

Die beliebtesten Lieblingssätze 2016

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: der beste Romananfang und die besten Fundstücke, die 2016 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
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