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Lieblingsgäste (1): Tino Geßner

Tino GeßnerDas Museum der schönen Sätze wächst: In der neuen Sammlung „Lieblingsgäste“ kommen die Besucher zu Wort und präsentieren ihre persönlichen Lieblingssätze aus Literatur, Pop und eigenen Werken. Den Auftakt macht Tino Geßner. Der „Lebens-/Welt- und Gedankenreisende“, wie er sich selbst nennt, hat eine Vorliebe für die Texte junger deutscher Songwriter. Die Veröffentlichung seines Romans ist in Vorbereitung. Weiterlesen

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Jeder Satz ist ein Geschenk

„Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt.“

Kid Kopphausen: „Das Leichteste der Welt“ (1:36), auf: I (2012).

Wenn die Sätze nicht so schön wären, die einem beim Hören dieser Platte um die Ohren wehen, es wäre einfach nur zum Heulen. Da tun sich zwei Musiker und Sänger zusammen, auf die Hamburg, ach was Norddeutschland, ach was Deutschland, ach was weiß ich, wer sonst noch, stolz sein sollte; da vereinen sich der auf Melancholie-Wolke sieben schwebende Songwriter Gisbert zu Knyphausen und der Maler und ehemalige Fink-Poet Nils Koppruch, um uns als Kid Kopphausen „Blumen vom Arsch der Hölle“ mitzubringen, wie sie dichten; und was passiert, als man sich unsterblich verknallt hat in dieses schwelgerisch-schöne Folk-Pop-Album „I“? Nils Koppruch stirbt im Alter von 46 Jahren.

Zwei Monate ist das nun her, und natürlich hört man die Songs seitdem – es mag inzwischen der vierundvierzigste Durchlauf sein – mit gemischten Gefühlen. „Das Leichteste der Welt“? Welch Ironie! Dennoch soll hier eine bitter-fröhliche Zeile gewürdigt und ins Museum der schönen Sätze aufgenommen werden, die die Hoffnung im Schmerz zum Ausdruck bringt: „Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt, und man fummelt am Geschenkpapier rum und kriegt es nur mühsam wieder ab.“ Also los, Freunde, zerfetzt das Papier und pflückt den Tag! Denn die Zeit ist ein Halunke.

PS: Never mind the darkness, Nils, you will be saved by Rock’n’Roll!

Gisbert zu Herzhausen

„Schenk du uns die Drinks ein, ich schütte dir mein Herz aus.“

Gisbert zu Knyphausen: “Erwischt” (1:03), auf: Gisbert zu Knyphausen (2008).

Erwischt! Es müssen Dutzende, ach was, Hunderte Drinks gewesen sein, die dem Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau eingeschenkt wurden. Gemessen daran, wie offenherzig Gisbert zu Knyphausen Liedtexte schreibt, müssen er und seine Muse ein trinkfestes Gespann sein.

Hin und wieder liest man von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel BosseNobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Hatten wir schon, macht aber nix.

Melancholie zu Knyphausen

„Fick dich ins Knie, Melancholie, du kriegst mich nie klein.“

Gisbert zu Knyphausen: „Melancholie“ (2:58), auf: Hurra! Hurra! So nicht. (2010).

Sagt der, dessen stärkste Muse Melancholie heißt. Aber so ist er, der Herr von und zu: Bloß nicht zu einfach denken. Simpel sind Männer, simpel ist Fußball, nicht aber das Leben. Das hat der Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau längst erkannt. Und pflegt sein Faible für die komplizierte Welt. Für den Müll des Lebens und die Schmerzen im Herzen. Er vertont die Hasslieben des Lebens.

Hin und wieder liest man in diesem Zusammenhang von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel Bosse, Nobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Was soll noch kommen? Herr Knyphausen bitte:

„Und so wie es war, soll’s nie wieder sein, so wie es ist, darf’s nicht bleiben, und wie es dann wird, kann vielleicht nur der bucklige Winter entscheiden.“ (1:55).