Kategorie: Popped out of Pop

Auf Stimmenfang in Sülz

„Vertrauen ist gut, Kontrolle für Besserwisser.“

Annen May Kantereit: „3. Stock“ (2:25), auf Alles nix Konkretes (2015).

Klar, die Stimme, ohne die wären Annen May Kantereit nur talentierte Straßenmusiker aus Köln-Sülz, deren Freude an Rumpelrock für Altbaumädchen mindestens ansteckend ist. Mit der Stimme von Henning May jedoch, dieser einlullenden, rezeptfreien Überdroge, hat sich das deutsche Indie-Wunder bis zum Erstplatzierten der Album-Charts hochgebrummt. Die Stimme klingt nach Whiskeykater und Zigarettenmief, nach Kneipenmarathon und Liebesleid, nach verpassten Chancen und den Furchen des Lebens. Nach all dem klingt diese Stimme, nur nach einem klingt sie nicht: nach Anfang zwanzig. Weiterlesen

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Bademeister mit Philosophie-Diplom

„Ich schwimmte, schwamm und schwomm, endlich bin ich angekommen.“

Dendemann: „Endlich Nichtschwimmer“ (0:50), auf: Die Pfütze des Eisbergs (2006)

Fehler macht jeder „in diesem Freibad, das sie Leben nennen“. „Manche schwimmen mit, manche gegen den Strom, doch ich frag: Schwimmen wir noch oder leben wir schon?“ Ein Tiefseetaucher im Wörtermeer ist dieser Dendemann aus Hamburg, ein Surf-Freak im Fluss der wildesten Reime, ein Bademeister mit Philosophie-Diplom. Denn mal ehrlich: Wer Grammatikfehler als Metaphern für das Scheitern und Strampeln gebraucht, so klangvoll, verspielt und raffiniert, der hat das Leistungsschwimmabzeichen für Rapper überhaupt nicht nötig. Den macht so schnell keiner nass, rein sprachlich gesehen. Kein Wunder bei Zeilen wie diesen:

Ich bin kein Rapper, nur ein Bluessänger auf Abwegen,
bin kein Rebell, nur ein Fußgänger auf Radwegen.
Bin kein hartnäckiger Wadenbeißer,
bin kein Freischwimmer, ich bin Bademeister.

Worte wie Küsse

„Alles, was wir fühlen, zerfällt in dem Augenblick, in dem wir es versuchen zu erklären.“

Madsen: „Küss mich“ (1:29), auf: Kompass (2015)

Am Anfang war die Zeile. Wie inspirierend schöne Sätze für die Musik sein können, zeigt die niedersächsische Rockband Madsen. Die Songschreiber aus dem Wendland bauen mitunter ganze Popstücke um einen Gedankenblitz herum, wie bei „Küss mich“ geschehen, einem der stärksten Songs vom aktuellen Album „Kompass“. Dass der Sänger Sebastian Madsen nicht nur kathartisch brüllen, sondern den Brüllstoff auch fein texten kann, wissen Popfreunde seit der ersten Single „Die Perfektion“, erschienen vor zehn Jahren. Als Botschafter für die deutsche Sprache sind Madsen vor ein paar Jahren durch die USA getourt, auf Einladung des Goethe-Instituts. Und jetzt bitte keine weiteren Erklärungsversuche mehr, sonst zerfällt der Zauber der Worte. Einfach hören, genießen, küssen.

Herrenherzblut

„Doch bei einem halben Herzen kommt nie der ganze Mut zusammen,
du kannst die Dinge nicht verwerfen, nur um sie irgendwo wieder aufzufangen.“

Herrenmagazin: „Halbes Herz“ (0:58), auf: Sippenhaft (2015)

Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Hier geht es nicht um die windige Prosa einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere mit den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen. Mehr schöne Sätze von Herrenmagazin gibt’s hier.

Friebe sei mit euch

„Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus.“

Jens Friebe: „Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus“ (0:45), auf: Nackte Angst, zieh dich an, wir gehen aus (2014).

Es gibt Pop-Alben, die sind nicht zu fassen. Weil sich die Texte als poetische Perlenketten entpuppen, deren Schönheit man nur erahnen kann, schon sind sie einem wieder entglitten. Nun ist Jens Friebe nicht dafür bekannt, in Speed-Metal-, Battle-Rap- oder Shouter-Manier Textlawinen rauszuhauen – im Gegenteil entwickelt sich der Autor und Songwriter zunehmend zum Chansonier unter den Indie-Elektro-Poppern. Er nimmt sich die Zeit, die Eleganz braucht. Und doch verklingen die feinsten seiner Zeilen viel zu schnell.  Weiterlesen

Schmerzens-angelegenheiten

  • „If i had tried to make you mine / You would’ve walked away / Life can’t compete with memories / That never have to change.“ („Artifact #1“)
  • „Freedom is the opposite of love.“ („Lonely At The Top“)
  • „It ain’t perfect / Nothing is / There is still room to grow“ („Double Life“)
  • „I’m blessed with a heart that doesn’t stop.“ („Zigzagging Toward The Light“)
  • „Home is a perjury, a parlor trick, an urban myth“ („Zigzagging Toward The Light“)
  • „Love was the message, full stop.“ („Hundred Of Ways“)

Conor Oberst, auf: Upside Down Mountain (2014).

Conor Oberst ist so einer. Einer, der Lyrik vergoldet. Leider auch Lyrik vergeudet, und das ist das Problem. Ein Luxusproblem, freilich. Der Indie-Folk-Heiland aus Omaha packt derart viele Lieblingssätze in seine textreichen Songs, dass sie bisweilen untergehen in der Flut aus musikalischer Ekstase und rauschhafter Katharsis. Mitunter auch im Live-Genuschel. Dabei sind seine Worte mindestens brillant, weil stark verdichtet, bildhaft und von zauberhafter Poesie. Egal ob auf Bright Eyes-Platten oder, wie zuletzt, auf seinen Soloalben. Für seine Schmerzens-angelegenheiten muss man Oberst lieben. Wenn seine Sehnsuchtsstimme flattert, ist es im Publikum still wie im Herz eines Ungeliebten.

Absolute Näsler

„Denn im Großen und im Ganzen haben wir allen Grund zum Tanzen.“

Jan Delay: „St. Pauli“ (1:21), auf: Hammer & Michel (2013).

Jan Delay ist ein Spaßvogel, besser gesagt: eine Spaßbiene. In der aktuellen Size-Zero-Kinoversion der Biene Maja spricht der Hamburger Hip-Hop-Näsler den Willi, was selbstverständlich hervorragend passt, weil Majas bester Freund schon in der Originalfassung (Eberhard Storeck, der auch Snorre aus „Wickie und die starken Männer“ synchronisierte) sprechzischt, als wäre er an der Seite von Delay in der Urformation seiner Absoluten Beginner groß geworden. Zwar kann Willi schon mal ein miesepetriger Schisser sein, und doch verbindet die beiden eine gewisse lebensbejahende Einstellung zum Großen und Ganzen. Grund zum Tanzen finden sie immer. Ob Willi allerdings auf St. Pauli fliegt, darf bezweifelt werden. Er ist ja eher so der Landbrummer.