Kategorie: Fundstücke

Seelenkrümeliges

Aus: Sten Nadolnys „Das Glück des Zauberers“. Piper, 2017.

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Wiegeschritte zur Erleuchtung

„Es war ein strahlender Tag zu Beginn des Frühlings, sanft wie ein Weidenkätzchen, alles taute und schmolz, und die Jungvermählten fuhren in einem großen Truthahn quer durchs Land.“

Tom Robbins: Salomes siebter Schleier. Rowohlt, 1992 (im Original „Skinny Legs And All“, 1990).

Es gibt mehr als sieben Gründe, Tom Robbins als Schreibgott zu verehren. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man noch nicht einmal den alles verändernden Schleiertanz der Frau mit den Storchenbeinen erblickt haben, der in Robbins‘ fünftem Roman den einen oder anderen New Yorker der Erleuchtung ein paar Wiegeschritte näher bringt (wenn er oder sie nicht gerade vom Super Bowl-Spektakel abgelenkt wird). Seine Werke sind allzeit gut gelaunte, philosophisch besoffene, auf natürliche Art feministische, kindlich verspielte, rauschhaft kichernde, wortwitzig kreative, historisch ausufernde Geschichten-Purzelbäume über Liebe, Sex, Religion, Unsterblichkeit. Und wie das alles zusammenhängt. Vom Mikro- zum Makrokosmos, von einer Bohnendose zum Israel-Konflikt, von einer schmutzigen Socke zur universellen Gelassenheit – Robbins ist der grübelnde Clown im Lebenszirkus, ein idiot savant, das Grübchen im Gesicht der unbekannten Gottheit. Seine unerschöpfliche Freude an tollkühnen Metaphern, die sich schon mal über eine halbe Seite erstrecken, macht ihn zum Lehrmeister der Kreativitätstheorie, zum Floskelkiller des Immergleichen. Seine Ideen sind mitunter so verrückt, als stammten sie von bisexuellen Meistermusen auf LSD-Trip durch eine gewittrige Vollmondnacht. Weiterlesen

Die Reife von Romanfiguren

Irving

Aus: John Irving: „Straße der Wunder“, Diogenes Verlag 2016.

Apropos schluderig: Der erste Satz der deutschen Übersetzung von Irvings „Straße der Wunder“ ist aus einem speziellen Grund bemerkenswert. Nicht, weil er museumsreif schön wäre (vielmehr fällt er in die Kategorie „passt schon“). Sondern weil er – in der ersten Auflage zumindest – einen Sprachfehler enthält. Einen Patzer im ersten Satz, das gibt es auch nicht alle Tage.

Irvinganfang

Hier die Stellungnahme von Diogenes: „Lieber Bernhard, als große Irving-Fans tut der Satz uns selbst weh! Lektor, Korrektor, Setzer, tatsächlich haben alle die unvollständig ausgeführte Korrektur überlesen. Wir können nun leider nichts mehr anderes tun, als den Fehler für künftige Auflagen zu korrigieren.“

Über die Lesung von John Irving am 27. Mai 2016 im Münchner Residenztheater habe ich ein paar Zeilen in der SZ geschrieben.