Erste Sätze über erste Sätze

„Ich weiß, gerade auf den ersten Seiten, ja, mit den ersten Absätzen, eigentlich schon mit dem ersten Satz einer solchen ,klassischen‘ Erzählung erwartet der Leser zu Recht ganz besonders niveauvolle Literatur, gelungene Formulierungen, einen unvergesslichen Einstieg in den feinen, nicht gerade billigen ,sprachlichen Gourmet-Happen‘, wie Kritiker so was manchmal nennen.“

Joachim Lottmann: Hotel Sylvia. Haffmanns & Tolkemitt, 2016.

Der Lottmann nun wieder. Der turtelt ja gern mit den Erzählformen, schreibt hin, was ihm gerade durch den Kopf mäandert, egal, was knurrende Romantheoretiker und Textdiktatoren so von sich geben. Auf diese Weise hat der munter gereifte Popliteraturpionier bereits herrlich absurde, unkonventionell schöne Einstiege vorgelegt. In seiner Novelle „Hotel Sylvia“, einer für seine Verhältnisse doch recht aufgeräumten Erzählung, manche sagen: Alterswerk, wählt er einen ganz besonderen Kniff: Die hohen Erwartungen an einen ersten Satz wortästhetisch zu thematisieren, ergibt womöglich selbst einen brauchbaren ersten Satz, so der Grundgedanke.

Das Experiment gelingt. Zumal er im zweiten Satz selbstironisch zurückrudert und seinem schmunzelnden Publikum fast wie von selbst Sympathiepunkte abringt. Der lautet so: „Ich muss solche Leser bitten, gleich zum ersten Kapitel vorzublättern und die hier nun versuchte mühsame Einleitung zu überschlagen.“ Der erste Satz dort ist übrigens nicht der Rede wert.

Auf den selbstreferentiellen Flirt mit der Metaebene hat sich kürzlich auch der Hamburger Kollege Thees Uhlmann eingelassen. Sein Romandebüt, die hinreißende Roadnovel „Sophia, der Tod und ich“, beginnt mit folgenden Worten:

„Es klingelte an der Tür, und im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee. Das tat es eigentlich gar nicht, aber ein Freund von mir meinte einmal, wenn er einen Roman schreiben würde, würde er genau mit diesem Satz anfangen: ,Im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee.‘ Weil irgendeine Jury den besten Romananfang aller Zeiten prämiert hatte, der da lautete: ,Ilsebill salzte nach.'“

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