Die größere Kunst der Welt

„Es fing an wie üblich, auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels.“

Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Fischer Taschenbuch, 2013.

Erste Sätze mit Toilette: Griff ins Klo oder Hochglanzpolitur? Sofern sie raffiniert gestrickt sind wie Jennifer Egans Einstieg oder der von Nick Hornby in Juliet, Naked, funktionieren sie bestens. Als Schlüsselloch für den Voyeur in uns, als Lockstoff für Neugierige, die wissen wollen, was in besagtem WC so vor sich geht, und warum „wie üblich“. Der Leser folgt, in diesem Fall garantiert, und ehe er sich’s versieht, ist er bereits hineingesogen in den Strudel einer Geschichte, die von Mikro- zu Makrokosmos, von San Francisco nach Südafrika, vor und zurück durch die vergangenen Jahrzehnte springt, dass einem ganz schwindelig wird. Das liegt an der großen Erzählkunst der New Yorker Autorin und Journalistin, Jahrgang 1962, die für ihr Meisterwerk (im Original: „A Visit from the Goon Squad“) 2011 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Es geht um den Wandel der Musikbranche, die Facetten der Liebe, die Beständigkeit der Freundschaft, um Ideale, Träume und Verrat. Vor allem aber ist der Gesellschaftsroman ein Buch über die Zeit. Über das Verrinnen der Zeit und die Furchen, die sie dabei gräbt.

Literarisch interessant: Jennifer Egan konfrontiert ihre Leser mit mehr Perspektivenwechseln als in Bestsellern üblich; die meisten der dreizehn Kapitel haben unterschiedliche Erzähler: Mal ist es die dritte Person Vergangenheit, mal die erste Person Präsens, einmal schiebt sich ein waghalsiger Du-Erzähler in die Geschichte, dann wiederum lässt die Autorin einen jungen Nebendarsteller in Form von grafischen Powerpoint-Tagebuch-Auszügen berichten. Ihrer Story erlaubt Egan weitreichende Verzweigungen, doch die Geschichte franst nie aus. Immer wieder kehren die Hauptfiguren zurück: der Ex-Punkrocker und Produzent Bennie Salazar, Scotty, sein erfolgloser Schatten, und Sasha, Bennies hübsche Assistentin von einst, die als zwanghafte Kleptomanin schon mal in fremde Handtaschen greift – mitunter auch auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels.

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