Zufallstudie

„Oha!“

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher. Piper, 2014.

Heinrich Steinfest hat den Kürzesten. Den kürzesten ersten Satz, der im Museum der schönen Sätze präsentiert wird. Bis dato. Nun könnte man nörgeln, mit so einem „Oha!“ ließe sich jeder x-beliebige Roman eröffnen, reißerisch um Aufmerksamkeit buhlend und geradezu comicartig banal. Die Kunst des ersten Satzes, wie sie das Museum hegt, besteht jedoch darin, dass sich in ihm die ganze Geschichte spiegelt, und müsste man Heinrich Steinfests „Allesforscher“ in einem Wort zusammenfassen, wäre „Oha!“ nicht der schlechteste Versuch.

Seine 400 Seiten starke Vater-Sohn-Erzählung handelt von Fragen nach dem richtigen Leben, nach der großen Liebe, nach Überwindung und dem Sinn von allem, der womöglich im Detail steckt (oder in Entenfederskizzen). In erster Linie aber ist die philosophische Tour de force durch das Leben des Sixten Braun, der sich vom zynischen Manager und Ex-Hürdenläufer zum liebenden Bademeister und Bergsteiger mit Sohn entwickelt, ein Festival der Zufälle. Eine Hymne auf das Oha. Nur phantasielose Zeitgenossen würden dem Autor unterstellen, die surrealen Geschehnisse seien unglaubwürdig. Wie schrieb Einzlkind so schön: „Authentizität ist die Sehnsucht nach ein bisschen Heimat, das Aufwärmbecken des kleinen Mannes, der, geschunden von den Brutalitäten der Welt, nach Hause kommt, und an etwas glauben möchte, das echt ist.“ Steinfests Protagonisten geschieht so Allerlei – echt fühlt es sich dennoch an: von Wal-Innereien beinahe erschlagen, beim Flugzeugabsturz beinahe gestorben, dem leiblichen Sohn beinahe begegnet. Oha. Oha! OHA!

Steinfest ist ein phantastischer Erzähler, seine Geschichten sind nicht genehmigte Demonstrationen für das Recht auf scheinbare Unmöglichkeiten. Sprachlich verpackt in gescheite und überraschende Formulierungen, die den Leser verzaubern, ohne ihn aus der Geschichte zu verführen. Das fängt bereits im Vorspann an: „Der Beginn eines jeden Buchs leidet unter einem großen Manko: Es fehlt die Musik.“ Und zieht sich durch den ganzen Roman: „Der Wein nährt das Hirn, der Tee füllt bloß die Blase.“ Wenn das so ist, dann ist dieses Buch ein Weinfass. Ein Weinfass eines außergewöhnlichen Jahrgangs. Ein Weinfass eines außergewöhnlichen Jahrgangs, das beim Transport beinahe von einem Asteroid zerstört worden wäre, dessen Einschlag sich am Geburtstag der beim Klettern gestorbenen Schwester ereignete.

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