Lieblingsgäste (40): Christian Stonat

In der Sammlung „Lieblingsgäste“ kommen die Besucher zu Wort und präsentieren ihre Lieblingssätze aus Literatur und Pop. Im 40. Teil stellt Christian Stonat seine Favoriten vor – eine gelassene, sehnsuchtsvolle Mischung, die Leonard Cohen und Bodo Kirchhoff vereint und Englisch und Deutsch kombiniert. Christian sagt über sich: „Ich mag Sprache. Ich mag Bücher. Und ich mag, was gute Bücher bewirken können.“ Seinen eigenen Roman würde er mit der hintersinnigen Satzarchitektur eröffnen: „Wer wir waren, als wir noch werden wollten, wer wir sein wollen, das würde ich erst viel später verstehen.“

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Hokuspokus Lokus

„Es ist das beste Plumpsklo in ganz Dakota.“
Tom Robbins: Sissy – Schicksalsjahre einer Tramperin. Rowohlt, 1981.

„Sie waren von England nach Minneapolis geflogen, um sich ein Klo anzuschauen.“
Nick Hornby: Juliet, Naked. Kiepenhauer & Witsch, 2009.

„Es fing an wie üblich, auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels.“
Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Fischer Taschenbuch, 2013.

Worin liegt nochmal der Reiz, eine große Geschichte an einem kleinen Ort zu beginnen? Einem stillen Örtchen, wie man sagt, das aber in aller Regel gar nicht so still ist? In WC-Stein gemeißelt scheint die Feststellung, dass erste Sätze mit Klo-Bezug häufiger den Weg vorbei an Chef-Lektoren und Schlussredaktionen in publizierte Bücher finden, als es blitzblanke Toiletten in Verlagshäusern gibt. Ob die Rechnung aufgeht, also 00 statt 0815? In obigen Beispielen sehr wohl. Diese Intros sind schön geformte Schlüssellöcher für die Voyeure in der Leserschaft. In der Hoffnung auf intime Einblicke in sprudelnde Figurenwelten, in die wir alsbald hineingespült werden, nähern wir uns Wort für Wort dem unbedingten Geschichtensog. Griff ins Klo? Keineswegs. Eher Hokuspokus Lokus.

Interview im BJV-Report

Hurra, die geschätzten Kollegen mögen Lieblingssaetze.de! Senta Krasser vom Magazin des Bayerischen Journalistenverbandes (BJV) hat mit dem Kurator Bernhard Blöchl vor kurzem ein langes Gespräch über die Schönheit von Sätzen geführt. Im gedruckten Interview ist nun zu lesen, was die ideale Texteröffnung ausmacht, welche Bedeutung der letzte Satz einer Geschichte hat, und warum Länge keine Rolle spielt. Zumindest nicht in der Literatur.

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Lieblingsgäste (39): Sarah McHardy

In der Sammlung „Lieblingsgäste“ kommen die Besucher zu Wort und präsentieren ihre Lieblingssätze aus Literatur und Pop. Im 39. Teil stellt Sarah McHardy ihre Favoriten vor – eine zeitlos unwiderstehliche, rätselhaft schöne Mischung, die Carlos Ruiz Zafón und die Doors vereint und die Wortschatzausdehnung des Universums streift. Ihren eigenen Roman würde die Literaturfreundin und Bloggerin mit dem verblüffenden Satzgiganten eröffnen: „Als am 14. März 1969 Josef Bachmann zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wird, ist Frank Habel gerade ein paar Stunden alt und brüllt ungehindert die Säuglingsstation des St. Anna Hospitals in Herne nieder, während seine Mutter mit unerkannten wie schweren postnatalen Depressionen kämpft.“

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Kein Wort zu viel, zu viel des Guten

„Mir geht es ein bisschen zu gut.“

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Rowohlt, 2017.

Es tut zu gut, Ballast zu werfen. Kein Besitz, kein Gram, keine Theorien. Es tut zu gut, das Leben zu verdichten, es auf den Punkt zu bringen, nicht zu faseln. Zu gut, die Handlung eines Romans wegzumeißeln und an der Essenz zu feilen. An der Innenschau eines Mannes, der das Ende sieht und Musik wird. Kein Wort zu viel. Nur gedankengewordene Erfahrung. Es tut zu gut. Zu träumen genügt. Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt. Es tut zu gut, nur Sätze zu bauen, in denen es um alles geht. Sätze, die ein Kosmos sind. Der Makro- im Mikrokosmos. Es tut zu gut. Füllwörter ade. Servus, Ein- und Hinführung. Vergiss den Plot. Gedanken genügen. Unfassbar sein. Schweben. Und doch das Leben begreifen. Es tut zu gut. Ein zu guter, ein kluger, ein fordernder Roman. Eloquente Werbung für die Satzkunst oder: Das letzte Lächeln im Sonnenuntergangsleuchten.

Es wird doch wohl auf dem Papier etwas anderes passieren dürfen als in der Wirklichkeit.

Fühl dich so unwichtig, wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz.

Ich kenne keinen, den ich, wenn ich ihm sagte, es geht mir gut, nicht gegen mich einnähme.

Es ist schwer, sich einen Menschen, den man gut gekannt hat, tot vorzustellen, bloß weil er gestorben ist.